Von Sebastian Wickel
Die ersten sechs Wochen in Valencia sind mittlerweile rum. Zeit für einen ersten Einblick. Doch worin gebe ich Einblick? Die Fülle an Eindrücken, Erlebnissen und Gedanken übersteigt den Platz, den ich füllen will. Erzähle ich euch vom Damenbasketballspiel, das wir als Familie besuchten? Vom großen Volksfest „Fallas“, das uns in neue Horizonte des Feuerwerks einführte? Vom Sport, den ich wieder entdecke? Oder von Gottesdiensten, in denen ich kein Wort verstehe und mich über bekannte Melodien bei Liedern freue? Von Büchern, die ich las, einzelnen Gebetsmomenten oder „zufälligen“ Begegnungen mit alten Bekannten in der Stadt auf dem Spielplatz? Oder erwähne ich, was ich alles erzählen könnte, und konzentriere mich dann ganz auf eine inhaltliche Frage?
Ihr ahnt es. Ich wähle die inhaltliche Perspektive. Genau jene Frage, die mich mit nach Valencia führte: Was unterscheidet ein „Jüngerschaftszentrum“ eigentlich von unserer Art der Jugendarbeit in Ortsgemeinden? Entstanden sind die folgenden ersten Erkenntnisse durch gemeinsame Abende in den Lokalen Valencias. In kleinen Runden traf ich mich mit den jungen Menschen des aktuellen Jahrgangs von Vivencia Valencia. Wo sehen sie Unterschiede? Was waren für sie entscheidende Aspekte für ihre Entwicklungsschritte? Eine kleine Zusammenstellung.
- DAS UMFELD
Was alle – auf unterschiedliche Weise – zuerst benennen, ist das Setting. Der neue Mix von Ort und Menschen: raus aus dem Gewohnten. Weg von zu Hause. Neue Menschen. Neues Land. Neue Rollen. Ich hörte: Das Gewohnte kann ein „Gegner“ von Entwicklung sein. Ein neues Umfeld lädt ein, neu zu sortieren: Andere Menschen sehen dich. Du hörst andere Stimmen. Du suchst neue Kontakte. Dieser Mix aus „gezwungen zum Neusortieren“ und „Reibung durch die neue Gemeinschaft“ war der große Entwicklungsmotor. Ich überlege: Wie können wir solche „neuen Orte- und Menschen-Erfahrungen“ in unsere Jugendarbeit besser einbauen? Könnten wir nicht jedes Jahr mit einer 12er-Runde nach Vivencia fliegen und quasi eine Short-Term-Vivencia-Erfahrung eröffnen?
- DIE HALTUNG
Der zweite Aspekt, den ich hörte, hatte ich vorher nicht auf dem Schirm. Schmal gedacht, könnte man sagen. Ein O-Ton: „Na, wir sind ja alle hier, weil wir uns mit uns auseinandersetzen wollen.“ Oder auch: „Wir sind ja hier, weil wir wachsen wollen.“ Oder: „Wir haben ja auch die Herausforderung gesucht. Keiner ist einfach so hierhin.“ Noch heute frage ich mich, wie ich das übersehen konnte: Die Haltung macht das Spiel im Leben. Und hier waren Menschen, die hatten „ihren Acker gepflügt“, sodass Samen einwurzeln konnten. Sie wollten „was“ und waren deswegen in dem, was war, letztlich offen zu gucken, was werden kann. Ich überlege: „Wodurch wächst diese offene Haltung, dieses ‚den eigenen mentalen Acker pflügen‘?“ und bete: „Vater, schenke Sehnsucht …“.
- DIE VERANTWORTUNG
„Es war halt klar: Wir haben 400 € Budget, um eine Woche für 20 Leute zu kochen“, so ein O-Ton. „Du hast keine großen Kocherfahrungen und sollst auf einmal für 20 Leute nahrhaft, pünktlich und mit festem Budget kochen.“ Eine vermeintlich „ungeistliche“ Tätigkeit wird zum Wachstumsmotor, weil hier ein Prinzip lebbar wird, das auch bei Jesus erkennbar ist. In den 72.huddles haben wir es im Kernfeld „Challenge und Invitation“ theoretisch drin – hier wird es praktisch gelebt. Verantwortung wurde nicht nur zugetraut. Sie wurde übertragen. Wer sie hatte, hatte sie. Punkt. Und dazu gehörte auch: Potenzielle Überforderung wurde nicht aufgelöst. Wer gefordert war, wurde auch darin gelassen. Nicht aus Kälte, sondern weil da andere glauben: „Du schaffst das schon – das merkst du aber nur, wenn ich dir jetzt nicht sofort helfe.“ Nicht, dass jede und jeder das immer „angenehm“ empfunden hat, aber als unverzichtbar für den Reifungsprozess. Ich überlege: „Wo helfe ich zu schnell?“ oder „Wo trauen wir wirklich etwas zu und mute es dann auch zu?“ und bin gespannt, was ihr da so denkt …
- BEZIEHUNGSLEBEN
Das Feld der Beziehungen zu hören, war für mich weniger überraschend. Die Form, wie Vivencia sie kultiviert, imponierte mir jedoch:
- Jeder, der hier in Vivencia lebt, hat alle zwei Wochen für (nur) 30 Minuten ein Mentoringgespräch mit Denis oder Rebecca. Erstaunt waren alle, wie viel Dynamik diese 30 Minuten auslösten.
- Dazu hatte jeder einen „Buddy“. Eine Person aus der Runde, wöchentliche Treffen und immer wieder eine Frage: „Was sind deine drei Steps für die nächste Woche?“
- WG-Abende. Jeden Montag. Fest verabredet und es sich „schön gemacht“. Und dann aktuelle Fragen oder Konflikte besprechen, Deep Talks eröffnen und Menschen zuhören.
Beziehungen waren hier nicht nur „Gemeinschaft haben“. Beziehungen waren absichtsvoll, eher Gemeinschaftspflege. Die Gemeinschaft wurde zum Entwicklungsraum, weil sie in verschiedener Weise mit Intention eröffnet wurde. Ich überlege: Führen wir zu viel „Beziehungsleben ohne Richtung“ oder gar zu oft „nur nett“? Und denke: Es könnte sein, dass sich unsere Gemeinschaftserwartung von dem entfernt hat, was Jesus an Gemeinschaftspflege mit den ersten Jüngern und Jüngerinnen vorlebte.
- GEBETS(NEU)LAND
Vivencia setzt aufs Beten. Gut, keine überraschende Variante für ein Jüngerschaftszentrum, oder? Umso schöner, dass Gebet aus freien Stücken von den zwölf jungen Menschen als Impactfaktor benannt wird. Ob das wöchentliche Gebetsteam (das rollierend mit dem Kochteam wechselte), Impulse zum Gebetsleben oder auch die „charismatische Verschiedenheit“ in der Gruppe – all das hinterließ Impact. Was mir ein paar Gänsehautmomente in den Lokalen bescherte, war: Viele beschrieben einen Shift im Glauben, weil Beten zum Dialog wurde. Gerade daher wurde „Glauben“ nicht länger ein Bereich neben dem Leben. Glauben wurde eine Weise, sein Leben zu gestalten, weil Glauben in der Interaktion mit Gott steht. Ich überlege: Wie können wir die Kämmerlein-Kultur der 72.huddles mit Gottes Stimme hören und Geistwirken noch flächiger zugänglich machen, weil diese Interaktion mit Gott der Schlüssel fürs Leben ist? Da muss man ja nun nicht nach Valencia reisen, damit Gott mit einem spricht.
- DIE MITARBEITER-Runde
Last, but not least: Denis, Rebecca, Lukas und Birte als Mitarbeiterteam. Ich konnte mir beim Zuhören „kleine Persönlichkeitsprofile“ der Mitarbeitenden erstellen. Was die Vivencia-Runde erlebte, erlebte sie wegen der Menschen, die sich investierten, vorangingen, zumuteten und zutrauten und „mit da waren“. Entwicklungsprozesse hängen an den Menschen, die leiten. Mitarbeiten heißt, Energie mitbringen und investieren. Nicht nur reden, sondern machen und andere machen lassen. Und das macht Vivencia meines Erachtens im Herzen aus: Jüngerschaft ist kein Konzept. Sie wird verkörpert. Ich überlege: „Was verkörpere ich? Wie ermutigen wir uns, zum Verkörpern in unserer Weise? Wie zum immer wieder Energie investieren?“ und bete „Jesus, geh du voran und sende Arbeiter in deine Ernte, die Mut haben sich zu investieren…“
- EINE EINLADUNG ZUM WEITERDENKEN
Nun sind es in meiner Word-Datei drei Seiten geworden – und ehrlicherweise habe ich gekürzt und mich beschränkt. Vielleicht hast du sie ganz gelesen, und vielleicht sind ein oder zwei meiner Beobachtungen welche, die dir nachlaufen. Vielleicht lässt Gott uns durch die Pioniere hier in Valencia für unser Alltagsgeschehen im Dillwesterwald etwas lernen. Denn: Jugendliche unserer Region sind Potenzialträger. Da sieht Gott schlummernde und funkelnde Diamanten, die es wert sind, sich selbst in seinem Spiegel zu betrachten und zu entdecken.
Und dem Gedanken nachzugehen – und zu sehen, was Gott hier vielleicht noch versteckt, darauf freue ich mich, wenn ich zurück in Deutschland bin. Wenn du nun Lust hast, in lockerer Atmosphäre ein wenig mehr zu hören und darüber ins Gespräch zu kommen, dann eine herzliche Einladung für den 08.06. um 19:30 h im Selig.
P.S.: Für die Plaudereien gab es mal die Terminansetzung des 12.06. Es ist jedoch nicht der 12.06. Es wird der 08.06.